Mittwoch, 12. April 2017

Hochsensibilität

Hochsensibilität (Link führt zu Tedx Talks auf YouTube) ist etwas, was oftmals mit "Empfindlichkeit", "sofort persönlich nehmen", "schwache Nerven" etc. gleichgesetzt wird. Was ich in all den Jahren auch bestätigen konnte, dass man dies zu mir sagte; und auch selber daran glaubte. Ich solle doch etwas "härter" werden, mir die "Dinge nicht so zu Herzen nehmen", "abschalten", "gelassener sein". Ja, ich habe es versucht und versucht und nicht verstanden, wieso ich es nicht geschafft habe; zumindest zum großen Teil. Wieso es mir stets besser half, auf mein Bauchgefühl zu hören als auf jede Logik, wieso ich nicht in Filmen ab 16+ reingehen konnte und auch noch immer nicht kann und wieso selbst bei Filmen ab 12 es bereits manchmal schwierig wird (kleines Stichwort: Die Verfilmung als auch die Bücher von Tribute von Panem; gelesen als auch geguckt, sie waren Fluch und Spannung gleichzeitig). Doch dazu später.

Jetzt ist es ja nicht so, dass man freiwillig all die "Macken" auf sich nimmt (wer denn schon?), aber scheinbar habe ich wohl etwas falsch gehört, als es an die Verteilung ging und nicht nur am lautesten "hier!" geschrieben sondern bin auch mit vollem Karacho nach vorne in den Pott gestürmt, um möglichst viel abzubekommen. Naja, das konnte ich wohl recht gut, am lautesten zu schreien. Manche Dinge haben sich erst in den paar Jahren meines Lebens ergeben oder entwickelt, manche haben sich ausgeprägt und manche haben einen Namen bekommen; so wie meine Hochsensibilität und meine "autistischen Züge"; ich muss sie so nennen, bis es eine endgültige Entscheidung gibt. "Hochsensibilität" wird oft als Geschenk angesehen, selbst Asperger auch immer mal wieder; diese Kombination jedoch wie ich sie habe, gepaart mit so viel Lebenserfahrung, bringt einen oft an den Rand der Verzweiflung, weshalb ich es trotz meines Bedürfnisses, unter Menschen zu sein, oft schätze, alleine zu sein oder keine sozialen Verpflichtungen im privaten Bereich zu haben.
Stimmlage, Wortwahl, Veränderungen im Gespräch bzw. in der Atmosphäre, nehme ich sofort wahr und kann sie oftmals dennoch nicht benennen. Mein Gehör ist viel feiner als das von vielen, mein Geruchssinn ist stärker, mein Schmerzempfinden ebenso. Die Reize, die aus meinem Umfeld kommen, prallen um einiges viel stärker auf mich ein als bei vielen anderen, weshalb ich, wenn man dann obendrein noch etwas von mir will, innerlich durchaus sehr gereizt werden kann; aber es ist okay, wenn man mich anspricht oder was von mir will, solange man meine Antwort, dass alles okay sei, dann auch akzeptiert, sollte man fragen; es ist auch alles okay, zumindest für diese Situation.

An sich lebe ich ein "normales" Leben, sieht man davon ab, dass ich Dinge manchmal zu sachlich nehme, Witze oder Seitenbemerkungen, die witzig sein sollen oder eine Doppeldeutigkeit haben, nicht immer greifen kann (was man mir bis heute nicht immer glaubt; ich nehme es durchaus wahr, dass ich gerade lachen sollte, weil da was witziges war, aber ich weiß nicht, worüber), aber dadurch, dass sich so viele Dinge bei mir und mit mir entwickelt haben, muss ich erst wieder lernen, damit zu leben. An sich liebe ich es beispielsweise, mit dem Zug zu fahren, das oftmals aber nur, solange er leer ist... oder zumindest fast... bzw. solange keine Störfaktoren vorhanden sind wie laut telefonierende Menschen oder Leute, die ihre Schuhe auf den Sitzplätzen deponieren müssen zu glauben. Babygeschrei wiederum ist für mich erstaunlicherweise nicht unbedingt ein Störfaktor, da es in meiner Welt "dazugehört; Babys schreien eben, die kann man nicht abstellen; vermeidbar aber ist es, dreckige Schuhe auf den Sitzplatz zu stellen oder lauthals ins Handy schreien zu müssen. Egal wie oft ich mir da einrede, "lasse doch, machen die scheinbar auch Zuhause", es bringt nichts. Es laut auszusprechen nur manchmal und manchmal habe ich die Leute durchaus angesprochen, was nicht immer, aber ab und an mal geholfen hat; vor allem, wenn man sie laut angesprochen hat und es somit andere mitbekamen; vielleicht nicht die netteste Art, aber eine effektive, die vielleicht einen Lernfaktor hat...

Was mir gerade einfällt, während ich hier Musik höre: Musik kann ich sehen, ja. Dementsprechend auch Geräusche. Als ich Anfang des Jahres darüber mit jemandem aus dem Fachgebiet gesprochen habe, meinte sie, dass es kein Wunder sei, dass mich laute Gespräche zusätzlich belasten: Sie bedeuten für mich ein starkes Rauschen (welches ich bis dahin nicht als solches wahrgenommen hatte). Sie hatte recht: Handygeschreie und laute Gespräche haben nicht nur ein Rauschen vor den Augen sondern auch in den Ohren und ein Kribbeln auf dem Kopf verursacht; vor allem, wenn sie in Ruhebereichen eines Zuges stattgefunden haben. Oder die Wurstbrote meiner Freundin... im Zug... sie haben etwas ähnliches bei mir verursacht. Ich habe es ihr irgendwann gesagt , voller Angst, sie zu verletzen damit. Es war mir unangenehm, vor allem, weil ich es einfach auf Überempfindlichkeit meinerseits zurückgeführt habe. Um so etwas zu entgehen habe ich auch stets in der Vergangenheit meinen Kollegen angeboten, für die Zugfahrten zu den Fortbildungen etwas zu essen für uns beide zu machen und habe es mit der längeren Anfahrt meiner Kollegen begründet. Was auch immer funktionierte und dankend aufgenommen wurde; es gab jedoch stets den Kommentar: "Aber bitte kein Sushi!", weil sie wussten, dass ich japanische Küche liebe, obgleich es mir schwer fällt, einen Sinn darin zu finden, warum ich auf eine Zugfahrt mit Kollegen, von denen ich doch weiß, dass sie nicht auf Sushi stehen, Sushi mitzunehmen...

Eigentlich habe ich an diesem Punkt mit einer kleinen Schlussfolgerung aufhören wollen mit diesem Beitrag, jedoch kam mir noch spontan etwas in den Sinn, was ebenso Teil des Ganzen ist:
Ich habe mitgezählt, wie oft ich das Wort "ich" oder "mir" etc. verwendet habe, da mir irgendwann, als ich damals in der Kinder- und Jugendwohngruppe wohnte, einer der Erzieher sagte, ich solle doch weniger diese Worte nutzen, das klinge zu egoistisch und egozentrisch. Darauf folgte damals eine lange Zeit, wo ich diese Worte quasi nie benutzte und alles sehr allgemein gehalten habe und es tunlichst vermied, überhaupt über mich zu sprechen; es verfolgt mich bis heute, diese Worte zu benutzen, meine Gedanken kreisen sich darum und sagen mir, dass ich sie zu oft genutzt hätte und alles. Doch: Wir sind hier in meinem Blog bzw. Tagebuch, hier geht es um mich und hier schreibe ich in der Hoffnung, vielleicht auch andere Leute anzutreffen, die ähnliche Dinge erleben und mit denen man sich eventuell austauschen könnte; es ist mein Tagebuch, also darf ich diese Worte auch so oft nutzen wie ich will, so ist zumindest meine Meinung, auch wenn ich jedes Mal denke: "Und noch ein ich, noch ein ich, noch ein ich...", wenn ich diese Worte schreibe.

Nichtsdestotrotz bin ich froh, an einem zweiten, darauf folgenden Tag es geschafft zu haben, noch einen weiteren Eintrag zu schreiben, ganz so, wie ich es mir vorgenommen habe. In meiner derzeitigen Situation kann ich froh sein, dass ich es überhaupt geschafft habe, einen ersten zu schreiben. Ich therapiere mich quasi selber oder versuche es zumindest. Dinge aufzuschreiben, die ich nicht aussprechen kann. Dinge, die ich auch im Gespräch nicht aufschreiben kann, weil sie doch irgendwie anders aufgefasst werden, weil ich immer das Gefühl habe, eine andere Sprache als mein Umfeld zu sprechen. Auch wenn hier so viel gewertete Aussagen stehen, meine ich sie letztlich doch neutral, aber wer soll oder kann sowas schon wissen?

(Wer übrigens wissen will, was so für mich "angenehme" Musik ist, die meine Gedanken halbwegs in gerade Bahnen lenkt während des Schreibens, dem empfehle ich, einmal hier reinzuhören: Erutan - Hymn of the Fayth ; auch wenn die Stimme ein ganz leichtes Rauschen hat, so ist sie für mich klar genug, dass es angenehm ist, die sich wiederholenden Elemente geben dem Ganzen eine herrlich angenehme Konstante und nicht zuletzt regt sie meine Fantasie an; wenn ich einmal zur Ruhe kommen will, so höre ich derlei Lieder stundenlang in der Endlosschleife)

Ich war schon anders in frühesten Kinderjahren; Ich sah nicht das, was andere sahen.

— Edgar Allan Poe

Dienstag, 11. April 2017

Zeitgefüge

Zeit scheint für mich derzeit nicht zu existieren. Ich spüre gar nicht das Verstreichen der Zeit; ich tauche nur immer wieder zwischendurch auf und denke: "Oh!". Dinge, von denen ich dachte, dass ich sie letzte Woche getan habe, sind aber in Wirklichkeit schon über einen Monat und mehr her. Kein schönes Gefühl.

Mittlerweile haben sich aber auch so viele Dinge zugetragen, dass ich sie nicht mehr tragen konnte; und jene, von denen ich eigentlich am allermeisten gedacht habe, dass ich mich an sie wenden könnte, haben mir den Rücken gekehrt, mir Dinge vorgeworfen, die nur ihrer eigenen Vorstellung entsprachen und mich sitzen lassen, obgleich sie sagten, sie seien immer für mich da... nicht alle, gewiss, aber jene, von denen ich es nie erwartet hätte.

"Nachlaufen", nannte es die eine, "würde sie nicht tun", wie ich erfuhr. Doch gerade jene weiß doch, wie es ist, wenn man sich in einer solchen Situation befindet und man sich einigelt. Gerade ihr habe ich doch erzählt, dass ich genau dann jemanden brauche, der mich aus der Versenkung herausholt, aus der ich von alleine erst sehr, sehr viel später herauskomme. Und die andere, ... ja, es wirkt auf mich, als ob sie Regeln aufstelle, die für sie nicht gelten. Es fing damit an, dass sie damals aus der gemeinsamen WhatsApp-Gruppe rausgegangen ist, weil sie "Abstand" wolle. Dann bekam eine gemeinsame Freundin endlich ein Smartphone und somit auch WhatsApp, ich holte sie auch in die gemeinsame Gruppe rein und jene zurück, da ich dachte, dass sich die Wogen geglättet hätten. Nur dann entwickelte sich ein komisches Bild in ihrem Kopf, wonach ich ihre und meine Freundin angeblich mehr mögen würde als sie und eben jene auch viel freudiger begrüße als sie. Wer kommt nur auf solche Ideen? Und wer wirft es eben jener vor, die sie als Freundin bezeichnet hat? Freunde mögen sich und machen einem sowas doch nicht zum Vorwurf. Dieser Vorwurf hatte mich tief getroffen, vor allem, weil ich es nicht verstand. Als meine Freundin dann sagte, jene, ich nenne sie zukünftig einfach Sabrina, wolle Abstand, ging ich aus der WhatsApp-Gruppe raus; ganz so, wie sie es selber damals getan hat, wohlgemerkt. Das schien ihr aber nicht gefallen zu haben und sie hat es scheinbar persönlich genommen.
Nun ist es so, dass sie mir vorgeworfen hatte, dass ich unsere gemeinsame Freundin, sie soll Melanie heißen, also die, die von Anfang an in der WhatsApp-Gruppe war, mehr mögen würde als sie (Sabrina). Dabei war sie es, wo ich doch den Eindruck hatte, dass sie uns viel mehr hängen lassen würde und mehr mit Melanie unternehme und sich deutlich mehr unterhalte als mit uns (jene Freundin, die später ein Smartphone bekommen hat, ich nenne sie Bianca, und mir). Nur diese Gedanken habe ich für mich behalten, weil man soetwas einer Freundin doch nicht vorwirft, auch wenn es geschmerzt hat, da es doch so offensichtlich war. Als ich sie einmal darauf angesprochen habe, war sie ganz empört, meinte dann aber, sie hätte zu Melanie einfach einen ganz anderen Zugang als zu uns... Ah ja. Ich darf sie also nicht darauf ansprechen, dass ich mich wie ein fünftes Rad am Wagen verspüre, während sie mir zum Vorwurf machen darf, ich würde Melanie lieber mögen als sie (Sabrina)? Das empfand ich sehr, sehr ungerecht, vor allem, weil ich mich nicht ernstgenommen fühlte.

Nicht zuletzt wurde es schlimmer, nachdem ich ihr mitteilte, dass ich eine Form des Asperger Autismus habe. Vielleicht war das zu viel für sie, vielleicht hatte sie auch einfach genug Probleme und sie kam dann mit der Information nicht mehr zurecht oder was auch immer. Der Eindruck, dass sie Regeln aufstellte, an die sie sich aber selber nicht immer hielt, es von anderen jedoch einforderte, blieb lange bestehen. Vielleicht liegt es daran, dass ich bzw. mein Kopf, einfach sofort anfängt, zu interpretieren, nachzudenken, zu analysieren... das lässt sich nicht einfach ausstellen, man denkt und denkt darüber nach, es dreht sich alles im Kreise um diesen einen Gedanken. Man überlegt, was man falsch gemacht habe, wie man es besser machen könne, etc. Und am Ende macht man entweder gar nichts, weil man sich nach all den Jahren und Rückschlägen nicht mehr traut, man traut sich nicht aus Angst, der anderen Freundin noch mehr weh zu tun als man es scheinbar ohnehin schon getan habe und letztlich wird man von dem Gedanken beherrscht, dass man sowieso nicht mehr auf jene Ebene zurückzukommen vermag, auf der man sich einmal befunden hat; und wenn man es versucht, die Wogen zu glätten, dass es stets im Hinterkopf bliebe und einen bitteren Beigeschmack habe.
Es ist so unendlich anstrengend, wenn man sich über alles mögliche Gedanken macht, man keine Ruhe findet und man selbst im Schlaf davon heimgesucht wird, einem heiß und schlecht wird im Gedanken, dass es morgen weitergeht mit dieser Spannung etc. Und man handelt nicht aus Respekt vor dem Wunsch, dass jene Abstand wolle (was mir persönlich weh tut, weil: Wieso will sie Abstand von mir und nicht von unserer anderen Freundin?), man respektiert den Wunsch, weil man selber weiß, dass man manchmal einfach seine Ruhe braucht. Bei all den Dingen treffen so viele verschiedene widersprüchliche Gedanken und Informationen aufeinander, dass man am Ende nicht mehr wisse, wo einem der Kopf steht.
Ich denke, es ist sowas wie eine Schockstarre, vielleicht. Ich habe mir geschworen, Sabrina und Melanie zu vergessen, damit die beiden ihren Frieden haben und ich auch meinen finde, aber es geht nicht.

Wo wird all das also nun hinführen?

Alles ist ein Rätsel und der Schlüssel zu diesem Rätsel ist ein weiteres Rätsel.
— Ralph Waldo Emerson